Heinz Wiesbauer ist Landschaftsökologe. Im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit schrieb er mehrere Bücher und kuratierte Ausstellungen. Neben landschaftsplanerischen und gewässerökologischen Themen beschäftigt er sich seit vielen Jahren auch intensiv mit der heimischen Fauna (Schwerpunkt Bienen und Wespen).
DIE ENNS:
Eine Zeitreise am Wasser
27 x 21 cm, 284 pp.
Verlag Bibliothek der Provinz
Verlag Bibliothek der Provinz
Das Werden der Landschaft
Die Enns durchzieht Landschaften, die auf den ersten Blick nur wenig gemeinsam haben. Die Ursache dafür liegt in der Geologie, die den Fluss in mehrere Räume gliedert.
Der Oberlauf im Pongau entwässerte ursprünglich in die Salzach. Erst als das Geschiebe während der Eiszeit den Weg versperrte, änderten sich die orografischen Verhältnisse, sodass die Enns fortan
in östliche Richtung entwässerte. Die enge Bindung an das Land Salzburg blieb aber erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es sogar Pläne, die obere Enns über einen Kanal wieder in die Salzach
zu leiten, um das Holz im oberen Einzugsgebiet für die Saline in Hallein und andere Montanbetriebe zu nutzen.
Eine andere Entwicklung nahm das angrenzende steirische Ennstal oberhalb des Gesäuses. Während der Kaltzeiten der Eiszeit wurde das Tal von einem mächtigen, bis zu 1500 Meter hohen Gletscher
eingenommen. Durch das mehrmalige Vordringen und Abschmelzen der Eismassen wurde der Talboden ausgeräumt und dabei um über 100 Meter eingetieft. Nach dem endgültigen Rückzug des Gletschers
entstand eine von der Enns durchflossene Seenlandschaft. Durch den Geschiebe- und Sedimenteintrag verlandete diese allmählich und es entwickelten sich ausgedehnte Moor- und Feuchtgebiete. Darin
eingebettet mäandrierte die Enns in weiten Bögen und setzte bei Hochwasser große Teile des flachen Talbodens unter Wasser. Eine intensive Nutzung war unter diesen Umständen nicht möglich. Das
steirische Ennstal galt daher lange Zeit als Notstandsgebiet, das es durch wasserbauliche Maßnahmen trockenzulegen galt.
Ganz anders war die Situation unterhalb des Gesäuses, wo die Enns mit großem Gefälle durch ein enges Tal fließt, das sich erst unterhalb der Stadt Steyr weitet. Doch nicht die Enge des Tals
erklärt die bedeutende wirtschaftliche Entwicklung dieses Raums, sondern der Ressourcenreichtum: das Eisenvorkommen am Erzberg, die Wälder im Einzugsgebiet und die Wasserkraft. Sie waren der
Nährboden für eine leistungsfähige Eisenproduktion. Bereits im 16. Jahrhundert konnte sich das untere Ennstal zu einer wichtigen Wirtschaftsachse entwickeln, deren Zentren der steirische Erzberg
und die Stadt Steyr waren. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war die dezentrale Eisenproduktion. Indem ein großes Gebiet an der Eisenverarbeitung beteiligt war, konnte auf die gesamten
Holz- und Wasserkraftressourcen dieses Raums zurückgegriffen werden. Das untere Ennstal war nicht nur Zentrum der Kleineisenindustrie, sondern entwickelte sich auch zur „Waffenkammer des Kaisers”
und war von strategischer Bedeutung.
Das vorindustrielle Berg- und Hüttenwesen war keineswegs umwelt- und ressourcenschonend. Für die Versorgung der rasch expandierenden Eisenproduktion mit Holzkohle mussten immer unwegsamere
Gebiete abgeholzt werden. Kahlschläge in exponierten Lagen erhöhten die Bodenerosion und die Gefahr von Muren. Die Fließgewässer wurden durch zahlreiche Wehranlagen und Triebwasserausleitungen
der eisenverarbeitenden Betriebe und Mühlen beeinträchtigt.
Ab dem Hochmittelalter wurden das Ennstal und viele Seitentäler für die Holztrift erschlossen. Die Holzfäller schwemmten die Holzscheiter, die sogenannten Drehlinge, auf zahlreichen Bächen und
auf der Enns bis nach Hieflau oder Großreifling, wo das Holz entnommen und in Meilern verkohlt wurde. Durch die Seitenerosion wurde Geröll freigesetzt, das in der Enns Auflandungen
bewirkte.
Schifffahrt und Wasserbau
Der Transport von Eisen auf dem Landweg war teuer. Eine kostengünstige Alternative bot der Wasserweg auf der Enns. Flöße hatten im Gegensatz zu Schiffen den entscheidenden
Nachteil, dass sie nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückgebracht werden konnten. Da sich schon bald ein Holzmangel abzeichnete, setzte man auf Schiffe. Für deren Rücktransport musste jedoch am
Ennsufer ein Rossweg angelegt werden. Ein schwieriges Unterfangen angesichts der beengten Situation im engen Kerbtal und der oft senkrecht aufsteigenden Felswände.
Hans Gasteiger, der zuvor schon den Holzrechen in Großreifling – das größte Wasserbauwerk der damaligen Zeit – errichtet hatte, erhielt 1569 den Auftrag für den Bau eines Rosswegs. Unter
schwierigsten Bedingungen – teilweise musste der Weg galerieartig in den Fels geschlagen werden – schaffte er in nur sieben Jahren, was bis dahin für unmöglich gehalten worden war: einen
durchgängigen Weg zwischen Steyr und Hieflau.
Wasserbau im Laufe der Zeit
Betrachtet man die wasserbaulichen Eingriffe an der Enns, so zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Abschnitten.
Vergleichsweise einfach waren die Maßnahmen in Strecken mit ausreichendem Gefälle, da der Fluss das anfallende Geschiebe hier weiter transportieren konnte. Um die notwendigen Wassertiefen für die
Schifffahrt und Flößerei sicherzustellen, musste der Wasserbau danach trachten, den Flusslauf in überbreiten Abschnitten zu bündeln und die Seitengerinne zu beseitigen.
Andere Voraussetzungen gab es in der Strecke oberhalb des Gesäuses. Lokale Maßnahmen waren hier nicht zielführend, da sich der Fluss immer wieder verlagerte und die gesetzten Verbauungen keine
Wirkung zeigten. Auch ein Versuch Anfang des 19. Jahrhunderts, das Gerinne durch die Sprengung des Gesäuseeingangs tiefer zu legen, um die Vorflutverhältnisse zu verbessern, brachte nicht den
gewünschten Erfolg. Die Schleppspannung nahm zu und verursachte zahlreiche Uferbrüche. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde schließlich mit einer umfassenden Planung begonnen, deren Ziel es war, den
Fluss großräumig zu regulieren.
Mithilfe von 40 Durchstichen und mehreren Begradigungen wurde die Enns im Regulierungsabschnitt um rund 20 Kilometer verkürzt. Mit der Eintiefung der Flusssohle konnten auch großräumige
Entwässerungen umgesetzt werden. So gibt es heute im steirischen Ennstal von ursprünglich 1500 Hektar Moorgebieten nur mehr einige Restflächen. Zudem wurden rund 2000 Hektar Streu- und
Feuchtwiesen entwässert und in mehrmähdige, stark gedüngte Fettwiesen umgewandelt.
Wasserbauliche Überraschungen
Die Flussgeschichte der Enns birgt einige Überraschungen. So gab es bereits im 18. Jahrhundert umfangreiche Rückbaumaßnahmen. Nicht weil schon damals Revitalisierungen modern
gewesen wären, sondern um nicht beherrschbare Gefahren abzuwenden.
Die Ausgangssituation: Die Gerinne der oberen Enns und der Zauch waren im Jahr 1780 bereits stark reguliert und eingeengt. Durch die hohen Schleppkräfte gelangte bei Hochwasser viel Geschiebe in
die Ortschaft Altenmarkt, das hier liegen blieb und den Ortskern mehrmals verwüstete. Dazu beigetragen hatte auch eine in die Jahre gekommene Geschiebesperre an der Zauch: Der sogenannte
Sandkasten brach und setzte dabei große Geröllmassen frei.
Die von der Salzburger Hofkammer angereisten Wasserbauer suchten nach den Ursachen und arbeiteten ein Sanierungskonzept aus – die „Wasser-, Werk- und Damm-Ordnung”. Darin wurde festgelegt, dass
dem „Fluss wieder mehr Raum” zu geben sei, Verbauungen beseitigt werden müssten und „keine Verwerchungen” [Verwerkungen, Verbauungen] mehr angelegt werden dürften. Der „Sandkasten”, ein
Geschieberückhaltebecken, sollte so rückgebaut werden, dass die Höhe dieser Sperre jedes Jahr um einen Baumstamm abgesenkt würde. Mit der zunehmenden technischen Machbarkeit geriet diese
Wasserordnung jedoch allmählich wieder in Vergessenheit.
Ein Fluss wird ärmer
Mit dem Gewässerausbau nahm die Strukturvielfalt stark ab: Kiesbänke, Totholzablagerungen, Autümpel oder Steilufer sind in der heutigen Flusslandschaft selten geworden. Dieser
Umstand spiegelt sich u.a. auch in der Zusammensetzung der Flora und Fauna wider. So sind einige Charakterarten der Wildflusslandschaft wie z.B. die Deutsche Tamariske verschwunden. Stark
zurückgegangen sind auch die Bestände von Kiesbankbrütern wie Flussuferläufer und Flussregenpfeifer. Weiters wird die Fischfauna durch zahlreiche Unterbrechungen des Gewässerkontinuums und
strukturarme Lebensräume nachhaltig beeinträchtigt. Die massiven Rückgänge der Fischbestände haben vielfältige Ursachen, zu denen u.a. die Strukturarmut der Gerinne, Migrationshindernisse,
hydrologische Veränderungen, aber auch die Dezimierung durch Beutegreifer (v.a. Kormorane) zählen.
Dazu kommt noch, dass heute viele Bereiche energiewirtschaftlich genutzt werden, d.h. sie sind aufgestaut und ihrer natürlichen Dynamik beraubt. Zwar reicht die Wasserkraftnutzung an der Enns
bis ins Spätmittelalter zurück, doch waren die Wehranlagen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts niedrig und für Schiffe, aber auch für Fische zumindest zeitweilig passierbar. Mit der Errichtung
größerer Kraftwerke ab den 1930er-Jahren gingen tiefgreifende Auswirkungen auf die Gewässerökologie einher. Sie betreffen nicht nur den Rückstaubereich und die Eintiefungsstrecke, sondern im
Falle von Speicherkraftwerken auch die unterhalb angrenzenden Fließstrecken. Die bedarfsorientierte Wasserabgabe führt hier zu erheblichen Wasserspiegel- und Abflussschwankungen mit verheerenden
Folgen für die aquatische Fauna.
Revitalisierungen
Um die Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen wieder zu verbessern und für die Bewohner der Region eine attraktive Erholungslandschaft zu schaffen, beschäftigen sich mehrere
Projekte mit der Aufwertung monotoner Flussabschnitte der Enns. Ziel ist es, sowohl die gewässerökologische Situation zu verbessern als auch den notwendigen Hochwasserschutz für die angrenzenden
Siedlungen sicherzustellen. Ein wichtiges Anliegen ist es auch, das Gewässerkontinuum wieder herzustellen, um Fischwanderungen zu ermöglichen.
WILDE BIENEN
Biologie, Lebensraumdynamik und Gefährdung
3., erweiterte Auflage
27 x 21 cm, 528 pp.
Ulmer Verlag, Stuttgart
www.ulmer.de
Verborgene Vielfalt
Alle reden vom Bienensterben, gemeint ist aber nur das Haustier: die Honigbiene. Dass unbemerkt auch viele Wildbienen verschwinden, die für die Bestäubung ebenfalls sehr wichtig sind, wird wenig beachtet. 707 Arten gibt es in Österreich, 633 in der Schweiz und 600 in Deutschland. Die meisten von ihnen sind klein und leben einzeln, nicht in einem "Staat" und oft im Verborgenen. Der Stachel vieler Arten ist so fein, dass er die menschliche Haut nicht durchdringen kann.
Viele Wildbienen sind stark gefährdet. Die Ursachen für die dramatischen Bestandseinbrüche sind vielschichtig. An erster Stelle sind wohl der Chemieeinsatz in der Landwirtschaft sowie der Verlust an Lebensräumen (Ausräumung der Landschaft, Beseitigung von Kleinstrukturen, Rückgang der Wildblumen und Nistplätze) zu nennen. In jüngerer Zeit setzt auch der Klimawandel vielen Wildbienen massiv zu. Das regionale Verschwinden einer Art ist fast immer irreversibel, da die meisten Wildbienen – im Gegensatz zur Honigbiene – nicht nachgezüchtet werden können und eine Rückwanderung aufgrund der fragmentierten Lebensräume oft nicht möglich ist.
Schwerpunkte des Buchs
VON SCHWARZA UND LEITHA:
Eine ungewöhnliche Flussgeschichte
Die Schwarza und die Leitha haben von Natur aus eine sehr innige Verbindung zum Untergrund. Sie fließen auf einem eiszeitlichen Schotterkörper und dabei versickert viel Wasser. Wasser, das den Flüssen oftmals abgeht, für den Menschen aber dennoch ein Segen ist, da es eines der größten Grundwasservorkommen Mitteleuropas – die Mitterndorfer Senke – speist.
Die Schwarza und die Leitha mussten zum Nutzen der Menschen schon sehr früh gehörigen Aderlass leisten. Erstmals wurde Wasser im großen Stil abgezweigt, als man im 12. Jahrhundert den Kehrbach zur Versorgung von Wiener Neustadt anlegte. Sein etwa 16 Kilometer langes, künstliches Gerinne zählt zu den ältesten wasserbaulichen Großprojekten des Landes.
Ab dem Spätmittelalter errichtete der Mensch zahlreiche Wasserräder zur Nutzung der Wasserkraft. Da Hochwasser immer wieder eine Spur der Verwüstung zogen, baute man diese nicht direkt im Fluss, sondern schuf Mühlbäche, die oft mehrere Betriebe mit Triebwasser versorgten. So entstand im Schwarza- und im räumlich anschließenden Leitha-Tal eine Vielzahl künstlicher Gewässer, die das Wasser über kürzere oder längere Strecken ausleiten. An den Ufern der Mühlbäche entwickelte sich eine vielfältige Gewerbelandschaft.
Der Flusslauf der Schwarza und der Leitha wurde im Laufe der Zeit massiv verändert. So wurde die ehemals stark mäandrierende Leitha mittels zahlreicher Durchstiche begradigt und auf einen großen Abfluss ausgebaut. Das Gerinne ist heute zumeist nach einheitlichen Profilquerschnitten gestaltet, die Ufer sind bis auf wenige Bereiche durchgängig gesichert.
Für die Schwarza und die Leitha lässt sich die Geschichte des Wasserbaus bis ins 18. Jahrhundert beschreiben, da es aus dieser Zeit bereits Pläne, Protokolle und schriftliche Quellen für die Regulierungsmaßnahmen gibt. Die Unterlagen belegen die wasserbaulichen Probleme, die trotz aufwendiger Eingriffe über viele Jahrzehnte kaum abnahmen, da sich die Flussdynamik nicht so einfach bändigen lässt.
TRAUN IM FLUSS
27 x 21 cm, 248 pp.
Die Traun bildete ab dem Spätmittelalter das Rückgrat für die wirtschaftliche Entwicklung des Salzkammerguts. Auf ihr transportierten die Schiffer das Salz zu den Absatzmärkten, auf ihren Zubringern gelangte das getriftete Holz zu den Sudhäusern. Im Salzkammergut waren die Bedingungen für die Produktion und den Handel von Salz nicht einfach, da die Holzvorräte stark limitiert und der Transport auf der Traun alles andere als einfach waren. Doch mit Handelsbarrieren und der Förderung der eigenen Salzproduktion gelang es den Habsburgern, die mächtige Konkurrenz im Zaum zu halten.
Der Wasserbau spielte stets eine übergeordnete Rolle, da er den Transportweg für einen florierenden Salzhandel bereitete. Bereits im 15. Jahrhundert wurde der Traunfall für die Schifffahrt bezwungen, indem ein befahrbarer Kanal angelegt wurde. Schon zuvor war es gelungen, den „Wilden Laufen“ – eine Kataraktstrecke in Goisern – zu entschärfen. Damit die Transporte auch in Niederwasserperioden durchgeführt werden konnten, errichtete man am Traunsee und am Hallstätter See Klausen, die bei Bedarf zusätzliches Wasser abgeben konnten. Dennoch war vor allem die Untere Traun nur schwer befahrbar, da der stark aufgefächerte Flusslauf viele Untiefen aufwies und nach jedem Hochwasser seine Gestalt änderte. Anders als an vergleichbaren Flüssen versuchte man hier schon viel früher, mit Flechtzäunen und Faschinen das Gerinne einzuengen. Lange Zeit allerdings nur mit beschränktem Erfolg, wie sich anhand der Regulierungsgeschichte zeigen lässt. Erst ab der Wende zum 20. Jahrhundert gelang es durch massive und durchgängige Verbauungen, den Fluss seiner Dynamik zu berauben. Jedoch mit dem Effekt, dass er sich innerhalb weniger Jahre im Welser Raum massiv eintiefte.